Rennrad

Umfallen ist wie Anlehnen – nur später …

… oder Val d’Adige extreme „gli invincibili“  (277km/ 6500Hm)   italiano

invinc

Samstagmorgen beim Frühstück. Ich: „Eigentlich hätte ich doch Lust gehabt bei der Val d’Adige Extreme mitzufahren und mich als invincibile, also unbesiegbar zu verewigen“.
Nur: Die Teilnehmer sind schon beim Bicigrill Avio gestartet als wir noch gemütlich im Bett lagen … Mist aber auch … oder?
Warum nicht doch … In der Ausschreibung steht, dass man eigentlich starten kann, wann man will, Ende der Veranstaltung ist aber Sonntag 19.00 Uhr.
In Windeseile packen wir unsere Siebensachen und ab geht es. Wettervoraussichten: Nachmittags bis zum frühen Abend soll es leicht regnen.
Hier kurz die Eckdaten: Um bei den „Invincibili“ aufgenommen zu werden muss man in 24 Stunden vom Ausgangspunkt Bicigrill vier Schleifen fahren, insgesamt 280 Kilometer und 7000 Höhenmeter. Mörderisch! Und wenn man auch noch als „Insaziabile“ auf die Ehrentafel möchte, dann macht man alle vier Schleifen noch einmal in umgekehrter Richtung. Der blanke Wahnsinn! Kurz nach Mittag sind wir auch auf der Strecke, nachdem wir beim Bicigrill unsere Randocard abgeholt haben.
Die Runden können in beliebiger Reihenfolge und Richtung gefahren werden.
Aufgrund der Windrichtung wählen wir als Auftakt den „anello A“, die Schleife Monte Baldo, Rifugio Graziani mit 82km und 2200Hm. In den Bergen hängt Nebel. Die ersten Kilometer mit Rückenweg grad richtig zum Einrollen, dann ätzend in 42 Kilometer Anstieg bis zum Rifugio. Erster „timbro“ (Stempel). Die Abfahrt vorbei am Lago di Pra da Stua durch die Schlucht nach Sabbionara bitterkalt. Nach einer Stärkung beim Bicigrill plädiert Hermann nun für eine der kürzeren Schleifen. Ich kann ihn aber überreden, die längste Runde noch anzugehen und sich dann für zwei bis drei Stündchen aufs Ohr zu legen. So machen wir uns wieder auf den Weg nach Norden, leider mit Gegenwind. Mori, Nago, Arco und dann hinauf über die Serpentinenstraße Richtung Monte Stivo. Ziel der Passo Santa Barbara und Bordala. Unterwegs Fotopause. Das Wieder-Aufsteigen aufs Rad verläuft nicht ganz reibungslos. Rechter Schuh schon eingerastet rutsche ich mit dem 20170520_205930linken Fuß ab, bekomme Schräglage und den Fuß nicht aus dem Klickpedal. Weiter geht es in Zeitlupe, hart der Aufprall auf dem Asphalt. Aua! Hermann trocken: „Umfallen ist wie Anlehnen – nur später …“   In Santa Barbara wird es dunkel und der höchste Punkt ist immer noch nicht erreicht. Übler Schotterbelag lässt auch nicht gerade Freude aufkommen. Irgendwann geht es dann bergab. Wieder recht kühl. Der Reißverschluss meiner weißen Windjacke geht beim Anziehen kaputt, ich habe die glorreiche Idee, die Jacke unter meinem schwarzen Fleece Pulli anzuziehen. Das sollte mir etwas später fast zum Verhängnis werden. Kurz nach Pedersano gibt es einen Gegenanstieg. Wir bemerken zu spät die Abzweigung. Anhalten. Rechts von mir eine hohe Mauer. Verkehr und Gegenverkehr. Umkehren im Moment nicht möglich. Hinter mir naht ein Auto, schnell. In Sekundenschnelle ein Gedankenblitz: „Hiiilfeeee, der fährt aber weit rechts“, ich drücke mich noch weiter an die Steinmauer. Millimeter an mir vorbei das Auto … Schreck, lass nach! Meine Knie schlottern. Ich schaffe es auf die andere Straßenseite. Und fange an zu verstehen: Ich kohlrabenschwarz gekleidet stehe am Straßenrand. Das rote Rücklicht kann von einem Autofahrer leicht verwechselt werden mit einem der Katzenaugen, die an der Mauer angebracht sind. Vermutlich hat der Autofahrer mich gar nicht bemerkt. Glück gehabt. Hermann gibt mir seine weiße Weste. Ich werde meine gelbe Warnweste nie mehr zuhause lassen nach diesem Erlebnis. Ich bekomme noch jetzt beim Schreiben Gänsehaut. Gegen Mitternacht liegen wir in unseren Schlafsäcken. Große Lust weiter zu fahren haben wir beide nicht. Aber der Wecker ist gestellt auf 3 Uhr. Der Schlaf wird unruhig. Immer wieder werde ich geweckt von ciclisti invincibili, von den „unbesiegbaren Radfahrern“, die ihre Runden abgeschlossen haben, sich für die Heimfahrt richten und laut quatschen. Sie sind ja auch viel früher gestartet. Ach, wenn wir das nur auch wären, dann könnte man/frau jetzt gemütlich ausschlafen. Wir haben zwar nur noch die beiden kürzeren Runden vor uns, aber die sind umso knackiger als die Steigungen vielfach im zweistelligen Prozentbereich liegen. Unnachgiebig das Wecksignal und bald sind wir wieder auf Achse. Sehr starker Wind nimmt uns die Entscheidung ab. Wir gehen die Peri-Fosse an und die Abfahrt nach Sdruzziná. In Fosse nach unzähligen Kehren im Morgengrauen unverhofft ein super leckerer Cappuccino. Dann, wir hatten es schon geahnt, ohne Schutz der Bäume hat der böenartige Wind volle Schlagkraft. Einige Male fürchte ich umgeblasen zu werden. Irgendwann, nach wieder mal Schotter-Passagen, geht es an die spektakuläre Abfahrt nach Sdruzziná. Mit sagenhaftem Tiefblick ins Etschtal. Umgekehrt hätte ich die Runde mit 20%igen Steigungen wohl nicht geschafft. Frühstück im Bicigrill und weiter geht es, endlich auf die letzte Runde, Polsa und San Valentino, 62km und nur noch 1500 Höhenmetern. Nur noch? Die erste Steigung, 5 km mit bis zu 15%, das geht in die Knochen. Dann wird es flacher und oben der Ausblick auf das Etschtal weit unter uns spektakulär. Von hier geht es nur noch abwärts. Wir treffen Musseu, den Organisator, der auf dem Weg zum „insaziabile“ ist, das heißt 8 anelli aneinanderhängen. Nicht auszudenken jetzt nochmal alle vier Runden fahren zu müssen. Mir reicht es für heute mit 16 Stunden reiner 20170521_130309Fahrzeit. Wir sind megazufrieden die Herausforderung „gli invincibili“ geschafft zu haben und gönnen uns ein super gutes Mittagessen beim Bicigrill. Die unfreiwillige Wahl der späteren Startzeit hat sich als nicht ungünstig herausgestellt, mitten in der Nacht hätten wir verzichten müssen auf Carpaccio mit Grana und Ruccola und das leckere selbstgemachte Joghurteis mit Erdbeern. Wir kommen aber sicher wieder zu dieser wunderbaren Veranstaltung und vielleicht kann man sich dann langsam herantasten an die „insaziabili“??
Danke Musseu Giorgio Murari und Team Bicigrill!!!
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Gli invincibili …
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Schleife 1: Monte Baldo – Rifugio Graziani – 82km/2200Hm
http://www.openrunner.com/index.php?id=7196400

Schleife 2: Passo Santa Barbara e Bordala – 89km /1900Hm
http://www.openrunner.com/index.php?id=7295950

Schleife 3: Peri-Fosse e Corno d’Aquilio (Sdruzzinà) – 42km /1400Hm
http://www.openrunner.com/index.php?id=7196455

Schleife 4: Polsa e San Valentino – 62km/1500Hm
http://www.openrunner.com/index.php?id=7295876

 

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6 Kommentare zu „Umfallen ist wie Anlehnen – nur später …

  1. Hallo Gabi, was eine Tour… Stehen die gesamten Mitfahrer auf dem Zettelchen, oder sind das nur die, die am Ende angekommen sind?
    Mir gefällt ja, dass man selbst die Reihenfolge wählen kann, allerdings heißt das dann, dreimal am Ausgangspunkt vorbeikommen und sich nochmal aufraffen. Das kostet ja noch mehr Motivation. Ehrlich, Hut ab!!

    1. ist glaub ich eine Zwischenwertung gewesen, aber sehr viel mehr Teilnehmer waren da nicht dabei … ja, das ist schon hart, immer wieder am „Ziel“ vorbeizukommen und überhaupt dort Leute anzutreffen, die das Brevet schon beendet haben … und selbst wieder los zu müssen … überhaupt, wenn die Strecken so hart sind …

  2. Hallo, stolze Leistung allemal ! Zum Thema Sichbarkeit solltest Du nicht nur einfach die gelbe Weste stets mithaben, sondern so Kleidung kann man recht gut und für wirklich kleines Geld in Sachen Sichtbarkeit durch aufnähbare ( zu meiner Weste hab ich mal einen Link gestellt ), oder auch aufklebbare Reflexstreifen noch besser sichtbar machen.

  3. das habe ich alles gemacht z.B. für die PBP und 1001 miglia … aber hier beim kurzfristigen Entschluss ist einiges daneben gegangen … mittels fehlender Vorausplanung …

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