Triathlon

Xterra World Championships, Maui: 5 Minuten lang Weltmeisterin

italiano                      

Zuerst mein Video:

Xterra World Championship auf Maui  … Crosstriathon 1,5 km Schwimmen im Pazifik, 20181024_125140zwischen 30 und 40 km Mountainbike durch den Dschungel Kapaluas und 10 km Crosslauf. Die Aussichten für den 28. Oktober 2018 versprachen einzigartig zu werden. Einzigartig im Sinne von sehr schwierig. Wie die Organisatoren später bestätigen konnten, die schwierigsten Verhältnisse seit Beginn 1995. Tägliche Regengüsse hatten die Trails in seifige Rutschbahnen verwandelt. Aber was mich erwarten würde, sollte ich mir nicht mal in meinen kühnsten Träumen vorgestellt haben …

Race-day morning. Der erste Blick auf die Brandung am Fleming Beach ließ mir das Blut20181028_080808 in den Adern stocken. Immer wieder krachten hohe Shorebreaker an den Sandstrand. Einschwimmen? Nein danke! Bike einchecken und Ruhe bewahren. Die Zeit lässt sich aber nicht anhalten. Die Elite-Frauen und Männer stürzen sich nach ohrenbetäubendem Kanonendonner in die Fluten. Ich beobachte. Rein scheint nicht so schwierig zu sein. Beim ersten Wellenbrecher tauchen alle unter. Die Strömung treibt die meisten ziemlich ab. Und den Landgang nach der Hälfte der Schwimmstrecke kann ich leider/ zum Glück nicht sehen. Nur noch wenige Minuten, dann sind wir Frauen dran. Orange Swimcaps. Start-Donner. Ich laufe ins Wasser. Erste Welle. Unten durch. Zweite ebenso. Geschafft! Dann 1Kurs auf die große gelbe Boje nehmen. Irgendwie scheint sie nicht näher kommen zu wollen. Und die Strömung zieht mich nach Links, weg von der Boje. Das Wasser etwas kabbelig, aber sonst kein größeres Problem. Haie? Was war da in der Infoschrift zu lesen? … blende ich aus. Warum gerade ich … ich bin ja gut geschützt zwischen vielen anderen. Also bloß keine zu große Lücke aufreißen lassen.  Zwar schwimme ich nicht unbedingt rhythmisch, aber ich überhole sogar einige grüne Bademützen der Startgruppe vor uns. Dann habe ich  die beiden Bojen umrundet. Zurück zum Strand. So schlimm ist es ja eh nicht wie ich mir ausgemalt habe. Easy. Und der Ausstieg? Wird wohl auch nicht so schlimm sein. Der Beach kommt näher, aber immer wieder verschwindet er vor meinen Augen. Wie hat mir am Tag vorher eine Schwimmerin erklärt? Dem Ozean nie den Rücken zeigen. Also blicke ich mal vorsichtig beim Luftholen nach hinten. Schock!!!!! Ich höre gellende Schreie über mir und … eine riesige Schaumkrone Meter über mir und in dieser zig orangene und grüne Punkte, die jetzt in meine Richtung stürzen. Nicht nur meine Gedanken überstürzen sich … Was tun? Ich mache um 180° kehrt und tauche unter. Zu spät. Ich werde voll erfasst. In der Zentrifuge. Ich sehe weiße Gischt, dann wird es dunkel 1a
und ich weiß nicht mehr, wo Oben und Unten ist. Wann bin ich wieder an der Oberfläche? Langsam geht mir die Luft aus. Dann endlich ist der Kopf oben. Ich schnappe nach Luft. Was ich sehe lässt mich erstarren: Der nächste Shorebreaker hat sich vor mir aufgebaut und stürzt im selben Moment auf mich ein. Wieder kopfüber in den Fluten. Panik macht sich breit. Ich glaube zu ertrinken, so lange werde ich rumgewirbelt. Mein einziger Gedanke: Ich brauche Sauerstoff. Ich schlucke Salzwasser. Gefühlt literweise. Wieder oben. Röchelnd versuche ich Luft zu schnappen und merke, dass ich von gewaltigen Kräften vom Ufer weg gezogen werde und bin Sekunden später schon wieder im Zentrum einer Riesenwelle. In Sekundenschnelle laufen hunderte von Gedanken durch meinen Kopf. Ich werde wieder ausgespuckt und bekomme Grund unter den Füßen zu fassen. Nur weg hier. Ich torkle an den Strand. Vor mir krabbelt eine Athletin auf allen Vieren ans rettende Ufer, eine Schwimmerin stützt eine andere, die sich verletzt zu haben scheint – Armbruch, wie ich später erfahre. Neben mir Frauen, die schluchzend aus der Gischt klettern. In meinem Kopf tausende Gedanken, einer davon:  Schluss! Ich mache nicht mehr weiter! Dieses Nahtod-Erlebnis hat mir den Rest gegeben.

Wieso sollte ich mein Leben noch einmal aufs Spiel setzen? Eine zweite Stimme: Gabi, du bist um die halbe Welt gereist und nun willst du aufgeben? Nein! Wie zur Bestätigung: Katrin taucht neben mir auf. „Hopp, Mami, des pocksch du!“ Bingo! Ich tauche wieder ein. Die Wellen sind scheint es jetzt gnädiger. Es geht einfach. Einfach drunter durchtauchen, es wird dunkel über mir, dann wieder hell. Geschafft! Zur gelben Boje. Bei jedem Armzug wieder die Erinnerung an das gerade Erlebte. Und die Angst. Ich möchte den Schwimmausstieg ewig hinauszögern. Von einer Wellenkrone aus sehe ich vor mir ähnliche Szenen wie vorher. Hilfe! Dann werde auch ich erfasst und nach vorne katapultiert. Sand unter meinen Füßen und ein enormer Sog ozeanwärts. Mit allen Kräften versuche ich der nächsten anrollenden Woge zu entkommen. Geschafft! Ich habe Tränen in den Augen.

Ich laufe in die Wechselzone und muss mich erst mal beruhigen. Das Erlebte lässt mich3a nicht los und wird im Laufe des Wettkampfes immer wieder vor meinem inneren Auge abgespielt. Und was jetzt kommt, sucht auch seinesgleichen. Der Regen hat die durch Dschungel verlaufende Radstrecke völlig eingeweicht. Hunderte Radfahrer in den Tagen zuvor haben den Pfaden auch zugesetzt. Obwohl die Organisatoren am Morgen Plan B ausgerufen hatten, änderte das nur auf dem unteren Teil, auf der Lower Bowl, etwas. Nur etwa 1,5 Meilen wurden entschärft. Dann war viel Schieben angesagt. Auch auf ebenen Passagen schaffte man es oft nicht im Sattel zu bleiben. Die Reifen rutschten haltlos weg. Die Wege waren wie eingeseift. Und nicht nur das. Der Matsch blieb an den Reifen hängen,  Pflanzenteile wickelten sich um Kassette und Kette. Zentimeterdicke Dreckschicht klemmte sich zwischen Rahmen und Reifen. Oft blockierten dadurch sogar beim 3Schieben die Räder. Immer wieder bleibe ich stehen und pule den Dreck runter. Ich bin froh, meine Kette bleibt oben. Andere haben weniger Glück. Immer wieder Athleten, die am Streckenrad verzweifelt versuchen, ihr Bike wieder fahrtüchtig zu machen. Mein Simplon Cirex gleicht einem Fat-Bike, so dick hat sich streckenweise der Matsch um die Reifen gewickelt. Schieben, ein paar hundert Meter dahineiern, wieder schieben. Bei der heißen und schwülen Luft eine knochenharte Arbeit. So geht es meilenweit. Dann ist der höchste Punkt erreicht. Eine Versorgungsstation. Ich hasse Isogetränke, hier kann ich mir nichts Köstlicheres vorstellen als das angebotene Gatorade. Bei der Abfahrt immer wieder glatte Passagen. Löcher, Wurzeln, unvermittelt wirft mein Bike mich ab. Ich lande zum Glück weich in einem Zuckerrohrdickicht. Und wieder immer wieder stehen bleiben und das Rad vom Gröbsten befreien. Nicht nur mein Bike ist nicht mehr zu erkennen, auch ich bin von unten bis oben zugesaut. Dann ein Abschnitt, in dem es etwas zügiger durch eine Art Feldweg geht, durch privates Farmland, das erst Tage zuvor freigeschnitten wurde vom Dickicht.  Eine Stoppel-Rüttelpiste. Dann wieder ein Aufstieg in der prallen Sonne.  Wieder runter. Rote Lehmböden. Auf dem unregelmäßigen gerippten Terrain fliegt mir der Dreck um die Ohren, der sich von meinem Hinterrad löst. Dann hat der Dschungel mich wieder. Abwärtspassagen zu Fuß. Dann wieder schlingernd über glitschigen Boden. Ein weiterer Abwurf. Der Lenker bohrt sich schmerzhaft in meine Rippen. Dann einige hundert Meter, die Spaß machen. Trailig. Und nach gut 30 Kilometern ist der zweite Wechsel erreicht. Schnell das Rad aufhängen, Startnummer um und go!

Die ersten hundert Meter laufe ich auf Asphalt … und fühle mich gut. Die erste Ste4igung, meine Beine scheinen plötzlich wie Blei… Wie könnte es auch anders sein. Ohne Lauftraining. Und … Matsch! Auch die ebenen Passagen werden zur Tortur. Ich hangele mich von Baum zu Baum. Rutsche zurück. Schaffe es manchmal kaum auf den Beinen zu bleiben. Was soll’s … gehe ich halt zu Fuß. Einigen anderen um mich herum geht es ja gleich. Zum Glück alle zwei Meilen gibt es eine Versorgung. Ich schütte zur Kühlung Eiswasser über den Kopf, trinke soviel wie noch nie. Bergauf wieder gehen. Geht ja um nichts … Bin sowieso und hundertpro die letzte … Der höchste Punkt ist erreicht. Endlich. Abwärts komme ich in eine Art von Rhythmus. Geht doch! Vor mir eine Frau, F55, sie keucht. Klingt nicht unbed5aingt gesund. Ich überhole, dann drehe ich mich um, gehe zurück, frage, ob alles ok ist. Keine Antwort, keine Reaktion. Ich laufe weiter. Die letzte Meile. Aus dem Dschungel raus. Schwül und heiß und noch ein letzter steiler Anstieg. Dann nur noch runter. Nochmal Dschungel. Hier wurde der Weg durch ein riesiges Kakteengewächst geschlagen. Ein Streckenposten: Achtung Stolpergefahr in dem glitschigen glibberigen Gewirr von Pflanzenteilen. Dann ein Bachbett zu durchqueren. Ich hole einen italienischen Athleten ein. Er hält sich die Schulter. Verletzt. Und dann auf die letzten paar Hundert Meter am Strand entlang. Fast geschafft. Ich höre schon den Speaker. Die Zielgerade – wie Zeitlupe schwebe ich durch den Zielbogen. Aloha! Ein Hulamädchen hängt mir eine Orchideenkette um den Hals und die Finishermedaille … die mir beim Schwimmen noch 6unerreichbar erschien.
Hermann und Katy empfangen mich. „Du bist Weltmeisterin!“ Wie? Das gibt es doch nicht! Sie beweisen es mir auf der Zeitnehmerseite. Gabriele Winck, 1° AK 55-59. Ich schwebe wie auf Wolken. Sagen wir mal  … etwa fünf Minuten lang. Dann wird die Seite aktualisiert. Ich bin zwar auf den undankbaren vierten Platz zurückgerutscht  – aber mega mega  zufrieden, hatte  ich mir doch den letzten Platz erwartet in Anbetracht meines Xterra – Werdeganges. Silvia B. meint zu mir, sie nerven diejenigen Frauen, die ihr Licht ständig unter den Scheffel stellen und dann … Aber sie lacht und meint es nicht böse … Aber mal ehrlich: Was hätte ich vorher von mir halten sollen? Ich hatte ja keine Ahnung nach einem absolvierten Xterra-Bewerb  … und wenig Schwimmtraining, kaum s5pezifisches MTB-Training, kein Lauftraining, aber anscheinend haben die vielen tausend Rennradkilometer sich doch auch positiv ausgewirkt …

Fazit: Zwar war ich nach knapp fünfeinhalb Stunden im Ziel, hatte aber mit Abstand einen der härtesten Renntage hinter mir.

PS: Ich bin unheimlich dankbar, dass ich das erleben konnte. Nicht nur, dass es nicht einfach ist sich für die WM zu qualifizieren, als Lehrerin ist es dazu nahezu unmöglich sich unter dem Schuljahr vom Unterricht zu befreien. Auch unbezahlten Urlaub nehmen geht nicht so ohne weiteres, deshalb ein großes Dankeschön an meine Vorgesetzte, dass sie das Verständnis aufbrachte und mich an den Xterra-Weltmeisterschaften hat teilnehmen lassen.

 

@xterraoffroad & #xterraadventures
WorldChamp_Finish_2018-454 WorldChamp_Finish_2018-453

Das offizielle Video:

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10 Kommentare zu „Xterra World Championships, Maui: 5 Minuten lang Weltmeisterin

  1. Awesome, what a great job…Das sind Eindrücke die du nie mehr vergessen wirst, danke für den spannenden Bericht und das wunderbare Video, damit zeigst du anderen was man alles schaffen kann.

  2. Hallo Gabi,

    herzlichen Glückwunsch!!! Ein sehr schöner Bericht (auf den ich schon gewartet habe) und ein tolles Video. Als ich die Wellen gesehen habe, dachte ich nur: Oh Gott! Da wäre ich nie rein gegangen. Ich habe Respekt vor Deinem Mut.
    Die Radstrecke hatte mit MTB-fahren wohl nicht mehr viel gemeinsam. Das sah mehr nach einer Schlammschlacht aus. Egal! Du bist Weltmeisterin gewesen. Wie lange spielt keine Rolle. Ich freue mich für Dich mit und bin stolz darauf, Dich persönlich kennengelernt zu haben. Nach den Wetterkapriolen in Italien und Südtirol hoffe ich, dass bei Euch daheim alles in Ordung und gesund ist.

    Ganz liebe Grüße,
    Torsten

    1. Danke, Torsten, jetzt werde fast ein wenig verlegen … Während der Unwetter waren wir ja nicht da, wir sehen nur die Auswirkungen. Persönlich sind wir zum Glück nicht betroffen. Nur ein bisschen mein Rad … haha … bin gestern zur Fortbildung mit dem Rad gefahren und den Eisacktal- und Etschradweg entlang. Bin einmal (nicht schlimm) gestürzt, weil ich nach einer unübersichtlichen Stelle plötzlich in eine Schlammschicht reingeballert bin (an dieser Stelle war der Fluss übers Ufer getreten). Bei den nächsten Stellen war ich vorgewarnt, allerdings schaute mein Rad am Abend ähnlich aus wie mein Rad auf Maui …
      Du warst doch letztes Jahr beim Solstizio. Machst du wieder mit?
      LG

      1. Tochter, di hätte ich mit aus dem Wasser gezogen und es ihr verboten ! Egal wie alt sie wäre.

        Ich bin immer jemand gewesen und werde es auch wohl nie anders sein, der auf Sicherheit baut. Man könnte jetzt sagen typisch deutsch, aber ich glaube ich bin da noch drüber.

  3. Ja, ich bin angemeldet. Ist meine dritte Sonnenwende bei Fabio. Hoffentlich wird das Wetter wieder so wie die letzten beiden Jahre.
    L.G.

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